Depression kann jeden treffen
Wer kennt Sie nicht - die Momente, in denen wir uns einsam und niedergeschlagen fühlen und auf nichts freuen können. Es ist, als hätte man eine Brille aufgesetzt, die uns nur noch erlaubt, alles in grauen Farben zu sehen. Solche Gemütszustände gehören zu den normalen Hochs und Tiefs des Lebens und sind eine normale, gesunde Art auf negative Erfahrungen, Verluste, Enttäuschungen oder Belastungen zu reagieren. Erst wenn dieser Zustand über mehrere Wochen oder Monate anhält und das Gefühl der inneren Leere sich wie Blei um die Seele legt, spricht man von einer ernsthaften Erkrankung: der Depression. Bei Menschen mit Diabetes kommt dieser Zustand nicht selten vor.
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"Als vor kurzem sogar meine Kinder meinten, dass mein negatives Denken nicht mehr auszuhalten sei und selbst meine beste Freundin äußerte, so pessimistisch, freudlos und antriebslos hätte sie mich noch nie erlebt, habe ich mir ernsthaft überlegt, ob ich es jemals wieder schaffen werde, alleine aus diesem schrecklichen Gefühlszustand herauszukommen." Edith, 51 Jahre alt, Lehrerin von Beruf, war bis vor einem halben Jahr ein durch und durch positiv denkender Mensch. Trotz Haushalt und zwei Kindern hatte sie den Lehrerberuf, den sie über alles liebt, wieder aufgenommen, nachdem ihre Kinder in die Schule gekommen waren. Auch ihren Typ-1-Diabetes, den sie bereits seit 26 Jahren hat, hatte sie bis vor kurzem als keine große Belastung angesehen. Zwar waren ihre Blutzuckerwerte nicht immer in Ordnung, aber für Edith war es stets wichtig, den Diabetes nicht zum Mittelpunkt ihres Lebens werden zu lassen.
Edith berichtet
"Ich kann es noch immer nicht erklären. Plötzlich überfiel mich eine tiefe innere Erschöpfung und Leere. Viele Angelegenheiten, die ich früher mit links gemacht habe - wie mich auf die Schule vorzubereiten, regelmäßig meinen Blutzucker zu protokollieren oder abends zu kochen - waren plötzlich eine riesengroße Belastung für mich. Ich hatte einfach keinen Antrieb und konnte mich für nichts entscheiden. Statt Aufgaben anzupacken, verfiel ich ins Grübeln. Unvermittelt stellte ich viele Dinge in meinem Leben in Frage. Selbst an Sachen, die mir immer Spaß bereiteten, wie das Musizieren oder Malen, hatte ich auf einmal keine Freude mehr. Auch mein Diabetes wurde immer mehr zu einem Problem für mich, denn ich empfand es als immer schwieriger, mich tagein tagaus konsequent um meinen Diabetes zu kümmern. Immer wieder ertappte ich mich bei dem Gedanken, warum ich den ganzen Aufwand um eine gute Blutzuckereinstellung überhaupt betreiben solle? Schließlich erwartete ich wenig von der Zukunft und war sehr pessimistisch, ob ich das Fortschreiten meiner beginnenden Folgeerkrankungen aufhalten könne. Machte mir mein Mann deswegen Vorhaltungen, sagte ich ihm, er verstehe das nicht und zog mich immer mehr in mein Schneckenhaus zurück."
Depressionen sind keine Schande, sondern eine ernsthafte Erkrankung
Geholfen hat ihr ein offenes Gespräch mit ihrem Diabetologen, dem sie ihren Zustand schilderte. "Ich kann mich noch genau erinnern. In dem Gespräch habe ich mich anfangs erst geschämt, von meinem desolaten Gefühlszustand zu berichten. Also habe ich erst ein wenig herumgedruckst und ihm gesagt, dass ich momentan recht belastet sei, mir der rechte Antrieb fehle und ich schlechter schlafe. Dies sei auch der Grund, warum meine Blutzuckerwerte nicht so gut seien. Da mich mein Arzt sehr gut kennt, hat er mir nur wenige gezielte Fragen gestellt und mir dann auf sehr klare und bestimmte Art mitgeteilt, dass ich an einer Depression erkrankt sei. Dies käme bei Menschen mit Diabetes öfters vor. Außerdem hätte er bereits nach dem letzten Arztbesuch den Verdacht gehabt, dass etwas mit mir nicht in Ordnung sei. Ehrlich gesagt war ich froh, dass ich jetzt endlich wusste, warum sich mein Gefühlszustand so verändert hatte. Gut in Erinnerung habe ich auch noch seine Aussage, dass Depressionen sehr gut zu behandeln seien. Das hat mir Mut gemacht. Mein Arzt hat mir dann Tabletten gegen die Depression verschrieben und gleich einen Termin bei einem Psychotherapeuten ausgemacht, bei dem ich dann Gespräche hatte. Beides hat mir sehr geholfen".
Depressionen werden oft unterschätzt
Für Prof. Hegerl, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universtitätsklinik Leipzig und Sprecher des Kompetenznetzes Depression, ist die Tatsache, dass es Menschen schwerfällt, offen zuzugeben, an einer psychischen Erkrankung zu leiden, gut bekannt. "Gemäß der Devise "Jeder ist mal depressiv" werden Depressionen oft unterschätzt und irgendwo zwischen Schnupfen und Einbildung angesiedelt. In Wirklichkeit aber handelt es sich um eine gefährliche Krankheit, die wie keine andere in fundamentaler Weise die Lebensqualität der betroffenen Menschen beeinträchtigt und nicht selten dazu führt, das gesamte eigene Leben in Frage zu stellen"
Depressionen gehen wie kaum eine andere Erkrankung mit hohem Leidensdruck einher, da diese Erkrankung ins Zentrum des Wohlbefindens und der Lebensqualität zielt. Nach einer erst vor kurzem durchgeführten weltweiten Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind Depressionen mit weitem Abstand vor allen anderen psychischen oder körperlichen Leiden die am schwersten belastende Erkrankung. Gemessen an dem Indikator YLD (years lived with disability), der die Schwere und die Dauer der Beeinträchtigung erfasst, kommt in den entwickelten Ländern den Depressionen die größte Bedeutung zu.
Auch im Vergleich zu Patienten mit Diabetes schildern depressive Menschen eine deutlich höhere Beeinträchtigung.
An Depressionen kann jeder erkranken
In Deutschland leiden aktuell etwa 5% aller Menschen (ca. 4 Millionen) an einer behandlungsbedürftigen Depression. Etwa dreimal so groß ist die Zahl derjenigen, die irgendwann im Laufe ihres Lebens an einer Depression erkranken: Bezogen auf die ganze Lebensspanne liegt das Risiko an einer Depression zu erkranken bei ca. 15% - 18%. Immerhin jeder 5. bis 6. Mensch muss daher damit rechnen, einmal im Verlauf seines Lebens mit dieser Erkrankung konfrontiert zu werden.
Depressionen verlaufen meist in Form von Krankheitsphasen (Episoden), die Wochen bis Monate, manchmal auch Jahre anhalten können. Vor allem wenn sie unbehandelt bleiben, können sie rezidivierend immer wieder auftreten und einen chronischen Verlauf nehmen.
Wenn das Leben sinnlos erscheint ...
Erschreckend auch eine traurige Folge der Depression: Viele depressive Menschen fühlen sich nutzlos oder schämen sich für Ereignisse, die anderen Menschen gar nicht auffallen. Sie entwickeln dabei häufig ein Gefühl der eigenen Wert- und Nutzlosigkeit und sehen in ihrem Leben keinen Sinn mehr. In einer solchen Situation erscheint dem Betroffenen der Wunsch, einfach nicht mehr zu existieren, häufig als einziger Ausweg. Diese Selbstmordgefahr, in der Fachsprache als Suizidgefahr bezeichnet, ist eine häufige, früher oder später auftretende Begleiterscheinung einer Depression. Sie ist ein hohes Risiko für den Patienten. Denn bei der überwiegenden Mehrzahl der rund 12 000 Deutschen, die sich jedes Jahr das Leben nehmen, liegt eine Depression vor.
Dabei übersteigt die Zahl der Selbstmorde die der jährlichen Verkehrstoten deutlich. In der Altersgruppe der 15- bis 35-jährigen steht der Suizid nach Unfällen bereits an zweiter Stelle aller Todesursachen. Experten schätzen darüber hinaus, dass die Zahl ernsthafter Suizidversuche um das 10-15 fache höher liegt als die der vollzogenen Selbstmorde. Gerade deswegen ist der Gang zum Arzt so wichtig: Nur er kann feststellen, ob jemand wegen eines Lebensproblems eine Phase der Trauer oder Enttäuschung durchmacht oder ob er an einer Depression erkrankt ist.
Frauen sind öfter depressiv
Frauen erkranken zwei- bis dreimal so oft an einer Depression wie Männer. Genau weiß man den Grund für diesen immer wieder durch Studien bestätigten Befund nicht. Man vermutet aber, dass hierfür eine ganze Reihe von Gründen verantwortlich sind. Neben der bekannten Tatsache, dass Frauen eher über ihre Ängste und Stimmungsschwankungen sprechen und daher bei ihnen eine Depression eher erkannt wird als bei Männern, vermuten Wissenschaftler auch biologische Ursachen. So sind Frauen hormonell bedingt zu bestimmten Zeiten wie vor der Menstruation oder nach einer Geburt anfälliger für eine Depression. Ob Frauen während oder nach der Menopause (Wechseljahre) anfälliger für eine Depression sind, konnte bisher nicht abschließend geklärt werden. Diese größere Anfälligkeit für Depression während der Menopause könnte eventuell auf dem damit verbundenen Östrogenmangel beruhen. Auch die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft spielt sicher eine Rolle. So müssen erwerbstätige Frauen oft die Doppelbelastung von Hausarbeit und Erwerbstätigkeit meistern, während Frauen, die zu Hause bleiben, nicht selten mit dem negativen Image der "Nur-Hausfrauenrolle" zu kämpfen haben.
Auch Kinder können schon depressiv werden
Ging man früher davon aus, dass Kinder und Jugendliche kaum an Depressionen leiden, weiß man heute, dass dies nicht stimmt. Forscher bezeichnen gerade die Zunahme an kindlichen Depressionen als alarmierend. Auch im Alter ist man vor depressiven Störungen nicht gefeit. Besonders Männer kommen mit einer Depression eher schlecht zurecht, wie die stark ansteigende Selbstmordrate bei Männern ab 75 Jahre zeigt.
Depressionen: Doppelt so häufig bei Diabetes
Im Zusammenhang mit Diabetes ist das Risiko deutlich erhöht, zugleich an einer Depression zu erkranken. Diese erhöhten Erkrankungszahlen finden sich bei unterschiedlichen Erhebungsmethoden (Fragebogen oder Interview) sowie bei verschiedenen Stichproben. Heute geht man daher davon aus, dass Depressionen bei Menschen mit Diabetes etwa doppelt so häufig vorkommen wie bei Menschen ohne Diabetes. Mindestens jeder 10. Diabetiker ist somit aktuell davon betroffen. Die Untersuchungen zeigen auch, dass das Auftreten einer Depression häufig mit einer schlechteren Stoffwechseleinstellung, mehr Komplikationen und einer deutlich reduzierten Lebensqualität verbunden ist. Besonders bei Menschen mit Folgeerkrankungen ist die Depressionsrate erhöht.
Aus diesem Grund wird übereinstimmend in den Leitlinien der Deutschen Diabetes-Gesellschaft wie auch in den Empfehlungen der Amerikanischen Diabetes Gesellschaft gefordert, dass bei jedem Menschen mit Diabetes in regelmäßigen Abständen geprüft wird, ob eine Depression vorliegt.
Depression: Gleichermaßen ein körperliches und seelisches Problem
Anders als bei einem Beinbruch lässt sich eine Depression nur selten auf eine einzelne Ursache zurückführen. Meist führt ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zur Erkrankung. Die früher weit verbreitete Ansicht, dass Depressionen entweder eher körperlich (endogene Depressionen) oder eher psychogen bzw. psychoreaktiv (neurotische Depressionen) bedingt seien, hat die Wissenschaft inzwischen revidiert. Am Anfang einer Depression kann ein seelisches Problem, z.B. die Trauer um einen Todesfall stehen. Richtig ist aber auch, dass sich depressive Stimmungen auf Stoffwechselstörungen im Gehirn zurückführen lassen. Umgekehrt ist bekannt, dass bestimmte körperliche Erkrankungen auch psychische Symptome und Folgen haben. Dies erklärt wahrscheinlich auch die erhöhte Depressionsrate bei Menschen mit Diabetes. Depressionen können daher gleichermaßen sowohl von der körperlichen, biologischen Seite her als auch von der psychischen und psychosozialen Seite her erklärt und behandelt werden.
Wie entsteht eine Depression?
Die Veranlagung zur Depression kann genetisch bedingt oder auch erworben sein. Patienten mit einer entsprechenden genetischen Veranlagung neigen vermehrt dazu, bei belastenden Situationen oder auch ohne erkennbare Belastungen eine Depression zu entwickeln. Allerdings ist bis heute weitgehend ungeklärt, wie diese genetischen Faktoren genau aussehen. Die Hoffnung, ein einzelnes Gen für Depression zu finden, hat sich nicht erfüllt.
Aber auch bestimmte Persönlichkeitsfaktoren (z.B. geringes Selbstwertgefühl) können bei der Entwicklung einer Depression eine Rolle spielen. Ebenso können körperliche Erkrankungen wie zum Beispiel Schilddrüsenfunktionsstörungen eine Depression mit verursachen. Auch kann diese in Verbindung mit bestimmten Medikamenten, z.B. hochdosierter Cortisonbehandlung, auftreten. Hormonelle Veränderungen nach der Geburt ("Wochenbettdepression") oder während der Wechseljahre sind ebenfalls bekannte Faktoren für die Entstehung von Depressionen.
Darüber hinaus kann als sicher gelten, dass Belastungen verschiedenster Art bei der Auslösung von Depressionen eine wichtige Rolle spielen. Bedeutsam sind zum einen akute negative Lebensereignisse. Jeder 10. Mensch, der eine extreme Belastung wie z.B. einen Unfall oder einen Überfall erlebte, entwickelt eine Depression. Auch bei psychosozialen Belastungen, die eine Anpassung an neue Umstände erfordern, wie z.B. der Tod einer Bezugsperson oder eine Trennung, gehen häufig einer Depression voraus. Dabei scheinen vor allem Ereignisse, bei denen der Betroffene Hilflosigkeit erlebt, das heißt, das Gefühl hat, das Geschehen nicht kontrollieren oder beeinflussen zu können, eine Depression zu bedingen.
Aber auch chronische Belastungen wie alltäglicher Stress und Sorgen können auf lange Sicht eine Depression auslösen. Dies gilt auch für den Umgang mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen oder Epilepsie. Jedoch sind nicht bei allen Patienten derartige Auslösefaktoren im Spiel. Viele Depressionen treffen den Erkrankten fast ohne Vorwarnung wie aus heiterem Himmel, so als ob jemand "den Lichtschalter umgelegt" hätte.
Andere "Taktung" im Gehirn
Ist die Depression einmal ausgebrochen, zieht sie den ganzen Körper des Erkrankten in Mitleidenschaft. So werden vermehrt Stresshormone ausgeschüttet, der Muskeltonus erhöht sich, der Schlaf-Wach-Rhythmus ist gestört, ebenso der Appetit und das Bedürfnis nach Sexualität. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass während einer Depression der Stoffwechsel des Gehirns gestört ist und diese neurobiologischen Veränderungen zu der gedrückten Stimmung, der Energielosigkeit, den immer wiederkehrenden Schuldgefühlen und einer Reihe anderer psychischer Symptome führen.
Unser Denken, Fühlen oder Handeln beruht auf der Aktivität unserer Nervenzellen im Gehirn. Wenn eine Nervenzelle aktiv ist, wird der Impuls entlang der Nervenfaser bis zu den Nervenendigungen, der Kontaktstelle mit anderen Nervenzellen (Synapsen) transportiert. Um den Impuls zur nächsten Nervenzelle weiterzuleiten, werden im Gehirn Botenstoffe - sogenannte Neurotransmitter wie zum Beispiel Serotonin oder Noradrenalin - ausgeschüttet, die den elektrischen Impuls bei der nächsten Nervenzelle wieder auslösen und damit den Impuls weitergeben.
Bei Depressiven sind wahrscheinlich die Botenstoffe, wie das Serotonin und/oder Noradrenalin aus der Balance geraten. Sie sind entweder in zu geringer Konzentration vorhanden oder aber die Übertragung funktioniert nicht richtig. Viele antidepressive Medikamente setzen an dieser Stelle an und versuchen, den gestörten Hirn-Stoffwechsel wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Aber auch Stresshormone wie Cortisol stehen in dem Verdacht, im Übermaß produziert Depressionen auszulösen.
Niedergeschlagen ist jeder einmal
Die Merkmale einer Depression kommen Ihnen wahrscheinlich bekannt vor: Denn wer hat nicht schon einmal Phasen der Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Energielosigkeit und Antriebslosigkeit erlebt, in denen man an sich selbst gezweifelt hat, sich wertlos fühlte, keine Freude mehr empfand und das Leben wie durch eine graue oder schwarz getönte Brille erlebte. Sicher hatten Sie auch schon einmal Zeiten, in denen Ihnen das Essen nicht recht geschmeckt hat, sie nicht richtig schlafen konnten, innerlich unruhig waren und Schwierigkeiten hatten, Dinge im Leben richtig anzupacken. Als vorübergehende Stimmung sind Zeiten der Niedergeschlagenheit eine eigentlich gesunde Reaktion auf Belastungen oder Verluste im Leben. Ähnlich wie der Schmerz eine Art Warnung vor Gefahren darstellt, sind Phasen der Traurigkeit und Niedergeschlagenheit wichtig, um bestimmte negative Erfahrungen zu verarbeiten und sich neu zu orientieren.
Ab wann ist eine Depression behandlungsbedürftig?
Bei einer depressiven Erkrankung dauern diese Phasen jedoch länger und verkehren sich von ihrem ursprünglichen Sinn ins Gegenteil. Statt nachzudenken, verfallen depressive Menschen ins Grübeln. Statt Gefühle zuzulassen, die helfen, schwierige Dinge im Leben zu verarbeiten, fühlen sie immer weniger: Die Augen strahlen nicht mehr, das Gesicht wirkt oft versteinert so dass man depressiven Personen ihr Leid förmlich ansehen kann. Statt sich zu erholen, ermüden Depressive immer mehr. Statt nach Lösungen zu suchen, verstricken sie sich in Schuldvorwürfen, negativen Gedanken und einem Meer der Hoffnungslosigkeit. Und im Unterschied zu Menschen, die einfach traurig sind, lässt sich ein depressiver Mensch nicht von seinen Empfindungen ablenken. Es ist ihm egal, ob die Sonne scheint oder ob es regnet, schöne Dinge im Leben passieren oder die eigene Lebensbilanz gar nicht so schlecht ausfällt.
Formen der Depression
Depressive Erkrankungen haben kein einheitliches Erscheinungsbild, sondern wirken sich bei jedem Betroffenen anders aus. Eine Depression muss nicht zwangsweise eine dauerhaft bestehende Erkrankung werden. Mehr als ein Drittel aller Betroffenen erlebt lediglich eine einmalige depressive Phase. Bei anderen treten immer wieder depressive Phasen auf, die über mehrere Wochen, Monate, bei einigen Patienten auch über Jahre anhalten können.
Folgende Arten der Depression werden unterschieden:
Depressive Episode (unipolare Depression): Treten nur depressive Episoden auf, so spricht man von einer unipolaren Depression. Hier ist die Stimmung im Vergleich zum sonstigen Leben stark negativ eingetrübt. Derartige Episoden können unter Umständen Wochen, manchmal auch Monate dauern, insbesondere dann, wenn die Patienten nicht konsequent behandelt werden.
Wiederkehrende (rezidivierende) depressive Episode: Einige Menschen, die an einer Depression erkranken, erleiden in ihrem Leben immer wieder depressive Episoden.
Bipolare affektive Störung: Manche Patienten erleiden nicht nur depressive, sondern auch manische Episoden. Manische Episoden sind gekennzeichnet durch einen unbändigen Tatendrang, meist gehobene Stimmung, fehlendes Schlafbedürfnis, Größenideen, häufig auch durch Kaufrausch. In diesen Fällen spricht man von einer bipolaren affektiven Störung.
Dysthymie: Manche Patienten leiden an einer meist leichter ausgeprägten, aber dafür chronisch verlaufenden Form der Depression, Dysthymie genannt. Bei dieser Form der Depression leidet der Betroffene an einer dauerhaften depressiven Verstimmung, die jedoch nicht die Intensität einer schweren Depression erreicht. Der Erkrankte ist zwar langfristig beeinträchtigt, kann jedoch in vielen Fällen noch ein weitgehend normales Leben führen und am Arbeitsleben teilnehmen.
Woran erkennt man eine Depression?
Bei depressiven Menschen können sowohl körperliche Veränderungen als auch Veränderungen des Verhaltens und Erlebens beobachtet werden. Im Folgenden sind einige Anzeichen aufgeführt, die auf eine Depression schließen lassen. Depressionen können sich jedoch auf eine sehr unterschiedliche Art und Weise äußern, einige Beschwerden können auch durch andere Krankheiten verursacht werden. Wenden Sie sich an einen kompetenten Arzt oder Psychotherapeuten, der feststellen kann, ob eine behandlungsbedürftige Depression vorliegt.
- Traurige Stimmung: Ein Gefühl der tiefen Niedergeschlagenheit, Mut- und Hoffnungslosigkeit. Viele Betroffene berichten von einer großen inneren Leere, Verzweiflung und einem "Gefühl der Gefühllosigkeit". Das Erleben ist völlig verändert.
- Verminderte Antriebs- und Entscheidungsfähigkeit: An einer Depression Erkrankte können sich häufig zu nichts entschließen. Sie wägen alles ab, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Selbst einfache Verrichtungen machen große Mühe. Schwierige Dinge werden aufgeschoben und nicht angepackt.
- Denk- und Konzentrationsvermögen: Schwierigkeit, sich auf etwas zu konzentrieren oder sich in komplizierte Sachverhalte einzudenken. Viele Betroffen berichten, dass es Ihnen schwerfällt, sich von einigen Gedanken zu lösen, über die sie immer wieder grübeln, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Dadurch können sie sich auf andere Dinge nur schwer konzentrieren.
- Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle: Oft quält depressive Menschen ein Gefühl, an der Erkrankung selbst schuld zu sein. Im Vergleich zu anderen Menschen fühlen sie sich zudem oft als minderwertiger.
- Verlust von Interessen und Freude an Aktivitäten: Dinge, die früher Spaß gemacht haben, werden kaum noch gemacht. Viele Patienten ziehen sich zurück, vermeiden soziale Kontakte und verbringen viel Zeit im Bett oder auf der Couch.
- Veränderte Mimik: Die Mimik und Gestik von depressiv Erkrankten ist häufig wie erstarrt, die Stimme leise und monoton, der Händedruck beim Begrüßen schwach.
- Mangelnde Fähigkeit, gefühlsmäßig zu reagieren: Das Erleben von Gefühlen ist stark eingeschränkt. Dies zeigt sich besonders in Situationen, die normalerweise mit starken Gefühlen verbunden sind wie Glücksmomente, ein Unfall oder andere schlimme Ereignisse.
- Angstgefühle: Depressionen werden sehr häufig von Ängsten begleitet. Dies ist verständlich, da depressive Menschen in dieser Phase viel grübeln, sich Sorgen machen und kein ausgeprägtes Selbstbewusstsein besitzen.
- Schlafstörungen: Ein gestörter Schlaf ist ein typisches Merkmal einer Depression. Dies kann dazu führen, dass depressive Menschen trotz Müdigkeit lange wach liegen und nicht tief schlafen. Andere wachen oft auf und können vor lauter Grübeln schlecht erneut einschlafen. Wieder andere leiden unter einem stark erhöhten Schlafbedürfnis und schlafen wesentlich länger, ohne jedoch dadurch erholt zu sein. Oft erwachen depressive Menschen zwei oder mehr Stunden vor der gewohnten Zeit.
- Appetitstörung: Das Essen macht keinen Spaß und es wird oft nur aus Pflichtbewusstsein gegessen, um nicht abzunehmen. Häufig nehmen Menschen in einer depressiven Phase ab. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Kummerspeck sagt der Volksmund zu solchermaßen angegessenen Pfunden.
- Keine Lust auf Sex: Der mangelnde Antrieb zeigt sich häufig auch im Sexualleben. Dies ist oft reduziert und wird als nicht mehr so wichtig und leidenschaftlich erlebt.
- Körperliche Beschwerden: Eine Depression kann sich auch in einer Reihe körperlicher Anzeichen widerspiegeln, für die der Arzt keine somatische Ursache findet. Betroffene klagen über Schmerzen, Beschwerden und Überempfindlichkeit. Dabei können alle Körperteile und Organe betroffen sein.
Wechselwirkung mit Diabetes berücksichtigen
Ein Teil der Symptome kennen Sie sicher vom Diabetes. Denn typische depressive Symptome wie Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Traurigkeit, verminderter Appetit oder auch ein nachlassendes Verlangen nach Sexualität können auch Ausdruck einer schlechten Blutzuckereinstellung sein. Vor einer vorschnellen Diagnose einer Depression sollten Sie daher sicherstellen, dass diese Anzeichen nicht die Folge einer Stoffwechselentgleisung sind.
Was tun?
Bei ersten Anzeichen einer Depression sollten Sie zum Hausarzt gehen, der häufig Sie und Ihr persönliches Umfeld am besten kennt. Schämen Sie sich nicht zum Arzt zu gehen, denn es handelt sich bei Depressionen nicht um ein persönliches Versagen, sondern um eine zwar ernsthafte, aber gut zu behandelnde Erkrankung.
Bevor ihr Arzt aufgrund der Symptome eine Depression diagnostiziert, wird er in der Regel ausschließen, ob eine andere Erkrankung vorliegt. So wird er zum Beispiel überprüfen, ob Ihre Schilddrüse richtig arbeitet. Wenn Sie gleichzeitig auch Diabetes haben, sollten Sie sich nicht vorschnell mit der Begründung abfinden, Ihre Beschwerden würden sicher mit ihrem Diabetes zusammenhängen. Denn wahrscheinlich haben Sie auch schon die Erfahrung gemacht, dass bei körperlichen Problemen, die nicht leicht zu erklären sind, manchmal die Zuckerkrankheit als Begründung herhalten muss. Sprechen Sie daher auch den Arzt, der Sie wegen Diabetes behandelt, auf Ihre persönlichen Anzeichen einer Depression an. Vielleicht können Sie es ja einrichten, dass Sie zu einem Zeitpunkt zu Ihrem Arzt gehen, wenn dieser ein wenig Zeit hat. Für die Diagnose einer Depression ist ein ausführliches Gespräch unerlässlich.
Liegt eine schwere Form der Depression vor, so wird der Hausarzt eine Überweisung zum Facharzt vornehmen. Dies ist in der Regel ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie oder ein Nervenarzt. Auch Psychologische Psychotherapeuten können abklären, welche Form der Depression besteht.
Behandlungserfolg bei 80 Prozent
Was viele Menschen nicht wissen: Mit der richtigen Therapieform können rund 80% der Erkrankten erfolgreich behandelt werden. Voraussetzung dafür ist jedoch eine frühzeitige Diagnosestellung, die richtige Therapie und die Bereitschaft des Patienten, sich auf die Behandlung einzulassen. Als wirkungsvoll haben sich Medikamente und Psychotherapie erwiesen. Die besten Therapieerfolge sind bei einer Kombination beider Verfahren zu verzeichnen. Prof. Ulrich Hegerl erklärt dies so: "Bei einem depressiven Menschen sind immer sowohl die Physiologie als auch das Verhalten und Erleben verändert. Dies sind nur zwei Seiten einer Medaille. Es ist deshalb naheliegend, sowohl mit Medikamenten als auch mit Psychotherapie zu behandeln."
Moderne Medikamente helfen
Bei mittelschweren und schweren Depressionen ist eine Behandlung mit Antidepressiva sinnvoll. Die Antidepressiva beeinflussen den Stoffwechsel im Gehirn. Sie fördern die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen durch die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Die Medikamente bewirken bei der Mehrheit der Patienten innerhalb von sechs Wochen ein Abklingen der depressiven Symptome. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass sich ein Patient auf die Behandlung einlässt. So muss er seine Vorurteile vor Medikamenten - den "Psychopillen" - ablegen.
Antidepressiva machen nicht abhängig, es dauert allerdings eine Weile bis die erste Wirkung eintritt. Auch ist die Wahl und Dosierung des Medikaments wichtig, die neben einer stimmungsaufhellenden Wirkung auch dämpfend oder aktivierend wirken können. Die wirksamsten Medikamente sind sogenannte Serotonin-Wieder-Aufnahmehemmer wie z.B. Prozac, tryzyklische Antidepressiva und bei leichteren Formen Johanniskrautextrakt in hoher Dosierung.
Für Menschen mit Diabetes sind vor allem die Serotonin-Wieder-Aufnahmehemmer geeignet, da sie keine Gewichtszunahme verursachen und die Blutzuckerwerte nicht negativ beeinflussen. Auch Johanniskrautpräparate, die zur Behandlung von Depression eingesetzt werden, wirken auf die gleichen Botenstoffe im Gehirn. Man sollte jedoch bedenken, dass sich Johanniskrautpräparate nur zur Behandlung leichterer Depressionen eignen. Ihre Dosierung gestaltet sich schwierig, da die Extrakte von Johanniskraut eine Vielzahl chemischer Substanzen enthalten und nicht genau bekannt ist, welcher dieser Inhaltsstoffe für den antidepressiven Effekt verantwortlich ist. Nur wenige der angebotenen Präparate dürften eine ausreichende Dosis an wirksamen Substanzen enthalten, so dass die große Gefahr besteht, keine ausreichende Wirkung zu erzielen. Bei mittelschweren und schweren Depressionen sind Johanniskrautpräparate deshalb nicht zu empfehlen.
Was Sie über Antidepressiva wissen müssen:
- Haben Sie Geduld. Der gewünschte Effekt der Medikamente stellt sich häufig erst nach einer zwei- bis sechswöchigen Behandlung ein.
- Antidepressive Medikamente sollten nicht abrupt ein- oder abgesetzt werden. Klingen unter der Behandlung mit Antidepressiva die depressiven Symptome ab, sollten Sie die Medikamente nicht einfach absetzen, da sonst die Depression sehr wahrscheinlich wiederkehrt. Es empfiehlt sich, die Behandlung zunächst für vier bis sechs Monate fortzuführen. Nach diesem Zeitraum sollten Sie mit Ihrem Arzt besprechen, ob eine längerfristige rückfallverhütende Behandlung angebracht ist.
- Viele Patienten fürchten, von Antidepressiva abhängig zu werden. Eine derartige Gefahr besteht zwar bei Beruhigungs- und Schlafmitteln, nicht jedoch bei Antidepressiva.
- Die Sorge, die Medikamente könnten die Persönlichkeit verändern, ist nicht berechtigt. Patienten berichten im Gegenteil, dass sie sich nach einer erfolgreichen Behandlung sich wieder so gesund fühlen wie früher.
- Moderne Antidepressiva haben den Vorteil, nur noch sehr geringe Nebenwirkungen zu haben. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt jedoch über mögliche Nebenwirkungen. Der Beipackzettel ist hierzu oft nicht so gut geeignet, da er zahlreiche (auch sehr seltene) Nebenwirkungen aufführt, die Sie ohne weitere Information nur schwer richtig einordnen und gewichten können.
Hilfreiche Gespräche
Die andere bedeutsame Maßnahmen der Depressiontherapie bilden Gespräche mit entsprechend ausgebildeten Fachleuten (Psychotherapeuten). Als wirksame Therapieverfahren bei der Behandlung der Depression haben sich besonders die kognitive Verhaltenstherapie, die interpersonelle Therapie und psychodynamische Therapieverfahren erwiesen. Ziel dieser psychotherapeutischen Interventionen ist es zum einen, ein besseres Verständnis für die Erkrankung und mögliche auslösende Schwierigkeiten oder Probleme zu bekommen.
Eine depressive Erkrankung führt zudem dazu, dass sich das Denken, Fühlen und Handeln einer Person stark verändert. Viele Betroffene ziehen sich als Folge der Erkrankung zurück und geben bisher lieb gewonnene Aktivitäten auf. Das Fehlen von sozialen Kontakten, Anregungen und Impulsen von außen verstärkt in der Folge jedoch zusätzlich die depressive Verstimmung und die Fixierung auf die eigenen Gedanken. Wissenschaftler sprechen hier von einer richtigen " Depressionsspirale" (siehe Abbildung).
Ziel der therapeutischen Gespräche ist es daher auch, Patienten dabei zu unterstützen, sich wieder aus dem eigenen "Schneckenhaus" zu wagen und Wege aus der Depressionspirale zu finden. Hierzu ist es oft auch notwendig, hinderliche Denk- und Verhaltensmuster zu hinterfragen und gemeinsam mit dem Patienten bessere Strategien zu erarbeiten, mit Stress und belastenden Lebensereignissen umzugehen.
Ediths Resümee
Edith hat Glück gehabt, denn ihre depressive Erkrankung wurde rasch von Ihrem Arzt erkannt. Dieser hat auch sofort die richtigen Schritte eingeleitet. Edith stellte rückblickend fest: "Die Medikamente haben mir sehr geholfen, endlich wieder mehr Antrieb zu bekommen und den Grauschleier, der sich über mein Leben gelegt hat, zu vertreiben. Wichtig waren jedoch auch die Gespräche mit dem Psychotherapeuten, den mir mein Arzt empfohlen hat. In diesen wurde mir auch bewusst, dass mein Umgang mit dem Diabetes für die Entstehung meiner Depression eine große Rolle gespielt hat. Die beginnenden Folgeerkrankungen und die daraus entstehenden Befürchtungen für die weitere Zukunft hatten mich stärker belastet, als ich es wahrhaben wollte. Ich dachte eigentlich immer, ich hätte meinen Diabetes im Griff, doch das stellte sich zunehmend als Trugschluss heraus. In den Gesprächen wurde mir zunehmend bewusst, dass ich meine Einstellung zum Diabetes und meinen Belastungsgrenzen ganz grundsätzlich verändern muss. Das war sehr heilsam."
Dr. Dipl.-Psych. B. Kulzer
Diabetes-Zentrum Mergentheim
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